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NVV und Busunternehmen testen Einsatz von Linienbussen mit alternativen Antriebsformen auf längeren Fahrtstrecken – Lob für Reichweite und Fahrkomfort, Ladeinfrastruktur muss ausgebaut werden


Der Nordhessische VerkehrsVerbund testet in Zusammenarbeit mit Busunternehmen und Fahrzeugherstellern den Einsatz alternativer Antriebsformen im Linienbusbetrieb. Der Testbetrieb findet auf Buslinien in allen fünf nordhessischen Landkreisen statt. Hintergrund ist, dass perspektivisch vermehrt Fahrzeuge mit alternativen Antrieben auf den Buslinien im NVV-Gebiet eingesetzt werden sollen.

Der NVV hat das Testprojekt initiiert und wird dieses eng begleiten. Die beteiligten Verkehrsunternehmen werden sich untereinander und mit dem NVV über ihre Erfahrungen mit dem Einsatz alternativer Antriebe im Linienbusverkehr austauschen. 

“Dank des Engagements der Verkehrsunternehmen können wir uns ein gutes Bild von den verschiedenen Antriebsformen machen.  Unser Ziel ist es, für jedes Einsatzgebiet – vom dichten Stadtverkehr bis hin zu topografisch anspruchsvollen Linien im ländlichen Raum – die effizienteste und klimafreundlichste Lösung zu finden. Nur durch diesen Praxisvergleich sichern wir eine nachhaltige, verlässliche und zukunftsfähige Mobilität für die Menschen in unserer Region”, sagt NVV-Geschäftsführer Marian Volmer.  

Das Projekt hat Ende April mit Testfahrten der Busunternehmen Frölich Linie und BKW in den Landkreisen Werra-Meißner und Schwalm-Eder begonnen und läuft voraussichtlich bis Ende August 2026.  

“Wir sind sehr positiv überrascht und beeindruckt von der Laufleistung des E-Busses, den wir bei uns auf den Linien 200 und 290 eingesetzt haben”, sagt Bianca Frölich, Geschäftsführerin des Busunternehmens Frölich Linie. “Die vom Hersteller Iveco angegebene Reichweite wird teilweise sogar übertroffen - und das, obwohl wir mit der Linie 290 auch am Hohen Meißner unterwegs sind und erhebliche Steigungen überwinden müssen. Das ist für uns in der Umlaufplanung wichtig.” Die Linie 200 verkehrt zwischen Eschwege und Kassel und legt am Tag mehr als 500 Kilometer zurück. Das getestete Fahrzeug verfügt über einen 485 kW-Akkuspeicher.   

Die Laufleistung mit einer Ladung belaufe sich auf mehr als 500 Kilometer. Da aber vermieden werden sollte, dass alle E-Busse gleichzeitig abends geladen werden, nutzte Frölich Linie die im Tagesverlauf ohnehin vorgesehenen Dienstpausen des Fahrpersonals zum Laden: Am Standort in Eschwege verfügt Frölich über eine eigene E-Ladeinfrastruktur, da das Busunternehmen schon seit Längerem E-Busse im StadtBus-Verkehr in Eschwege einsetzt.  

Zwar habe der Fahrzeughersteller auch ein mobiles Ladegerät für den E-Bus mitgeliefert – doch Frölich bevorzugt die Nutzung der eigenen Ladeinfrastruktur am Standort Eschwege. Mit dieser sei die Ladezeit kürzer als mit dem mobilen Ladegerät: Mit diesem würde die Ladung des Busses etwas zwölf Stunden dauern, dies wäre somit nur über Nacht möglich. Eine gut ausgebaute Ladeinfrastruktur sei daher essenziell.  

Das bestätigt auch Uwe Bonan, Geschäftsführer des Busunternehmens BKW: „Die Praxistests zeigen deutlich, dass alternative Antriebe im Linienverkehr grundsätzlich gut funktionieren. Gleichzeitig wird aber auch klar, dass insbesondere die Ladeinfrastruktur weiter ausgebaut werden muss, um einen wirtschaftlichen und zuverlässigen Betrieb sicherzustellen“, sagt Bonan. Im Rahmen des Testbetriebs kam bei der BKW unter anderem ein E‑Gelenkbus des Herstellers Mercedes zum Einsatz. Da die BKW nicht über eigene Ladeinfrastruktur verfügt und auf den befahrenen Strecken keine ausreichenden Lademöglichkeiten zur Verfügung stehen, nutzte die BKW das vom Hersteller mitgelieferte mobile Ladegerät. Das Fahrzeug wurde auf verschiedenen Linien getestet, darunter auch auf der Linie 500 von Bad Wildungen nach Kassel. Dabei konnten wertvolle Erkenntnisse unter realen Einsatzbedingungen gewonnen werden.  

Die Rückmeldungen der Fahrerinnen und Fahrer bei der BKW fielen insgesamt positiv aus: Besonders hervorgehoben wurden der hohe Fahrkomfort sowie die deutlich geringere Geräuschentwicklung im Vergleich zu konventionellen Fahrzeugen. 

Bei den Testfahrten im NVV-Gebiet kommen Busse mit alternativen Antriebstechnologien von verschiedenen Fahrzeugherstellern zum Einsatz - überwiegend Elektrobusse, teilweise aber auch mit HVO100 oder mit Wasserstoff betriebene Fahrzeuge. Auf den für den Testbetrieb ausgewählten Strecken sollen jeweils zwei Mal eine Woche lang Busse mit alternativen Antriebsformen unterwegs sein. 

Die Testfahrzeuge sind im normalen Linienbetrieb unterwegs. Für die Fahrgäste bieten die Busse unter Umständen einen ungewohnten Anblick, da sie nicht im NVV-Design beklebt sind. Da die Testbusse keine Echtzeitdaten an die Auskunftssystem liefern können, können für diese Fahrten eventuelle Verspätungen nicht in der NVV-App bzw. der NVV-Fahrplanauskunft angezeigt werden. Die Testphasen bei den Busunternehmen werden meist recht kurzfristig geplant, wenn klar ist, dass die Hersteller entsprechende Fahrzeuge zur Verfügung stellen können. Daher können die Tests nicht lange im Voraus angekündigt werden. Hierfür bittet der NVV seine Fahrgäste um Verständnis. In der NVV-Fahrplanauskunft und der NVV-App werden Fahrten mit Testfahrzeugen entsprechend gekennzeichnet.  

Langfristiges Ziel ist, dass auf allen Buslinien im NVV-Gebiet Dieselbusse durch Fahrzeuge mit alternativen Antriebstechnologien ersetzt werden. Aktuell sind auf den knapp 290 Buslinien im NVV-Gebiet mehr als 600 Busse sowie etwa 30 Kleinbusse im Einsatz. 14 Busunternehmen betreiben derzeit den Busverkehr in Nordhessen im Auftrag des NVV.  

Den gesetzlichen Vorgaben zufolge muss der Anteil der emissionsfreien Busse deutlich erhöht werden. Gemäß der Clean Vehicle Directive (CVD) soll künftig jeder dritte Bus emissionsfrei sein, also zum Beispiel mit Elektro- oder Wasserstoffantrieb fahren.  Der NVV als Betreiber regionaler Überlandlinien möchte den Einsatz von alternativen Antrieben im Bereich der Überlandbusse fördern und ermöglicht daher zeitlich begrenzt den Einsatz von Testbussen. 

Im NVV-Gebiet betrifft es zunächst Verkehrsverträge in den Landkreisen Kassel, Schwalm-Eder und Hersfeld-Rotenburg, die in den kommenden Jahren neu ausgeschrieben werden: Allein für die ersten beiden Betriebsstartjahre dieser Verkehrsverträge werden etwa 170 Busse sowie 14 Kleinbusse benötigt.  

Die vom NVV beauftragten Verkehrsunternehmen schaffen die Fahrzeuge selbst an und orientieren sich dabei an den Vorgaben, die der NVV in den jeweiligen Verkehrsverträgen festlegt.  

Voraussetzung für den vermehrten Einsatz von Bussen mit alternativen Antrieben im NVV-Gebiet ist auch eine entsprechende Infrastruktur, beispielsweise für das Laden von E-Bussen. Der NVV beschäftigt sich deshalb, wie schon berichtet, intensiv mit dem Thema Ladeinfrastruktur, und befindet sich dazu im engen Austausch mit Partnern wie der Landesenergieagentur, den Verkehrsunternehmen sowie der Industrie- und Handelskammer.